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Gesprungen





Sie saß auf dem Boden vor ihrem Spint und starrte ihn immernoch an. Seit 5 Minuten bot sich den Vorbeigehenden dieses seltsame Bild.
Das Bild zweier Teenager, die auf dem Gang der Schule saßen und sich anstarrten. Einfach so und ohne jegliche Regung. Vor diesem Tag waren sich beide noch nie begegnet. Was auch unmöglich war, denn heute war der erste Schultag des Mädchens.
"Hattest du das auch schonmal? Das Gefühl ganz alleine zu sein?" fragte sie ihn da unvermittelt.
"Was meinst du damit?" fragte er leicht erschrocken.
So eine rauchige Stimme hatte er von dem zierlichen Mädchen nicht erwartet.
"Ich meine damit was ich sage. Ob du dich auch schonmal ganz alleine gefühlt hast?"
"Hm... ja. Klar hab ich das. Aber so wirklich alleine war ich noch nie."
Das Mädchen senkte den Kopf. Sie schniefte. Und als sie ihren Kopf wieder hob, war ihr Gesicht klatschnass. Tränen liefen ihre Wangen hinunter und sie sah schrecklich verzweifelt aus.
"Was ist denn los?" die Stimme des Jungen klang besorgt.
Aber das Mädchen antwortete nicht, sondern erhob sich und rannte aus dem Schulhaus.
Vor der Schule blieb sie stehen und ließ ihre Tasche ins Gras fallen. Der Wind wehte ihr durch die Haare. Die braunen langen Ringellöckchen, die ihre Mutter immer liebevoll gestreichelt hatte, blieben an den nassen Wangen kleben.
Sie öffnete den Mund, zögerte nicht, sondern fing einfach an zu schreien. Sie schrie alles aus sich heraus.
Die Verzweiflung, die Trauer, die Hilflosigkeit.
Und sie schrie Gott an. Den Gott, der ihr alles genommen hatte. Alles was sie geliebt hatte und alles für das sie gelebt hatte.
Hinter ihr öffnete sich ein Fenster und ein wütender Lehrer rief "Würdest du bitte aufhören mit dem Schreien?! Ich würde gerne weiter unterrichten!!!"
Sie drehte sich um und schrie ihn an. Es war das gleiche Schreien wie das, das sie an Gott gerichtet hatte. Was wusste der denn schon? Hatte der etwa alles verloren? Hatte der etwa sein Leben verloren?
Sie schnappte sich ihre Tasche und fing an zu rennen. Sie rannte und rannte. Und als sie wieder zum stehen kam, stand sie vor einem Hotel.
Es war ein chickes Hotel. Und es war das Hotel, vor dem sie ihr Leben verloren hatte. Sie sah alles nocheinmal vor sich.
Ihre Familie die gerade über die Straße zum Hotel ging. Sie die ihren schweren Koffer in der Hand umklammerte. Und den Laster.
Der Laster war riesig und für Schwertransporte gesehen. Hinten auf der Ablage lagen schwere, gefällte Bäume.
Und genau zu dem Zeitpunkt, als ihre Familie über die erste Hälfte der Straße ging und sie schon auf der anderen Seite beim Hoteleingang stand, lösten sich die starken Gurte, die eigentlich die Bäume halten sollten.
In diesen 15 Sekunden wurde alles zerstört was ihr lieb war.
Und jetzt stand sie hier. An der gleichen Stelle wie damals. Sie blickte an dem großen Gebäude nach oben. Dann ging sie durch eine der Drehtüren direkt in die geschmückte Eingangshalle.
Sie nahm den erst besten Aufzug und fuhr dann nach oben. In das höchste Stockwerk. Oben angekommen, lief sie immer noch heulend durch die Gänge und suchte verzweifelt nach der Tür.
Sie bog um die letzte Ecke bei der sie noch nicht gekuckt hatte. Und da war sie. Mit aller Kraft drückte das Mädchen gegen die schwere Stahltür.
Die gewundene Treppe nach ganz oben war ihre letzte Hürde. Wieder musste sie sich gegen eine Stahltüre stemmen. Dann stand sie an ihrem Ziel.
Wieder zerzauste ihr der Wind die braunen Locken. Die Tränen liefen immernoch in kleinen Rinsalen das Gesicht herunter.
Am Rand des Daches starrte sie in den tiefen Abgrund. Die Menschen waren von hier oben so groß wie Ameisen.
Auf dem Dach stellte sie ihre Schultasche in die weißen Kiesel, die hier oben verstreut waren. Dann zog sie ihre Turnschuhe aus und stieg langsam auf den blechernen Rand.
In diesem Moment kam er die gewundene Treppe nach oben. Er war ihr gefolgt und auf dem Weg zum Hotel war ihm klar geworden woher er sie kannte.
Und vor allem, was sie hier wollte! Er stemmte, genauso wie sie kurz zuvor, die Stahltür auf.
Sie stand da, mit den nackten Füßen auf dem Blech. Ihre Locken waren zerzaust.
"Tu`s nicht." sagte er, als er hinter ihr stand.
Aber sie rührte sich nicht.
"Tu`s nicht!" versuchte er es nocheinmal. Diesesmal lauter.
Da drehte sie sich zu ihm um. Ihr Gesicht war ausdruckslos. Außer den fließenden Tränen und den wehenden Haaren bewegte sich nicht`s an ihr.
"Weißt du wie es ist zu fliegen?" fragte sie ihn. Es gab keinerlei Schwankungen in ihrer Stimme.
"Nein."
"Ich auch nicht." Diese kurze Pause, in der sie nicht`s sagte, war für ihn unerträglich. "Aber jetzt gleich."
Er dachte sie mache Witze. Aber dann drehte das Mädchen sich um und breitete die Arme aus.
Sie hob ihren Kopf Richtung Himmel.
"Gleich bin ich bei euch!" rief sie. Und er wusste das sie zu ihrer Familie sprach.
Das Mädchen senkte den Kopf. Für den Jungen war klar, dass sie sich bereit machte von dieser Welt zu gehen.
Er versuchte sie mit einem Hechtsprung an den Waden zu erfassen.
Aber als er hart auf dem Blech aufknallte, sah er schon nur noch die nackten Füße des Mädchens.
Als er nach unten schaute lag sie da. Die entsetzen Schreie der Menschen konnte er noch hier oben im neunzehnten Stock hören.
Das Mädchen lag in einer Blutlache. Aber es sah trotzdem so aus, als würde es nur schlafen.
Denn seltsamerweise lag sie nicht mit dem Rücken zu ihm. Sondern das Gesicht war genn Himmel gerichtet.
Er konnte nicht fassen das er sie hatte springen lassen. Das er nichts getan hatte.
Und als er am nächsten Tag in der Zeitung einen Bericht über den tragischen Tod des Mädchens las, das drei Tage zuvor seine Eltern vor dem selben Hotel verloren hatte, fing er an bitterlich zu weinen und bereute das er nicht mit ihr gesprungen war.
Denn so wäre er zumindest diese unerträgliche Last los gewesen. Diese unerträgliche Last die er jetzt mit sich herumtrug.
Er war Schuld für ihren Tod. Denn wäre er früher gekommen oder hätte ihre Beine festhalten können, dann wäre sie jetzt niemals tot.
Er wusste, er hätte ihr helfen können. Er hatte vor zwei Jahren genau das gleiche erlebt.
Und jetzt saß er hier, mit der Zeitung in der Hand! Er hatte es überlebt. Und er war sich sicher: auch sie hätte es schaffen können.
Wäre er nur früher bei ihr gewesen.


Lange her das ich das geschrieben hab. Aber ich mag`s.
3.4.07 15:01




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